Aus meinem Lesebuch welches ich in Arbeit habe. 74 Jahre sind seit diesen Ferien vergangen.

Das erste Schuljahr war vorbei, und der erste Ferientag war gekommen. Ich durfte meine Ferien bei meiner Grossmutter verbringen. Zu Besuch waren wir schon öfter auf dem Bauernhof gewesen. Meine Mutter hatte dort ihre Kinder- und Jugendzeit verbracht. Aber nun richtig Ferien auf dem Hof zu machen – darauf freute ich mich sehr.
Am frühen Morgen gingen meine Eltern und ich zum Bus, der uns sechs Kilometer weiter zum Bahnhof brachte. Ich war schon einige Male mit dem Zug gefahren, und doch war es jedes Mal ein aufregendes Erlebnis. Schon von Weitem hörte man sein Pfeifen und sah die weissgrauen Dampfwolken, die über der Lokomotive schwebten. Als dieses Ungetüm von einer Maschine mit mehreren Waggons im Schlepptau laut zischend an mir vorbeifuhr, griff ich nach Muttis Hand. Die Stufen zum Waggon waren zu hoch für mich, so hob Vati mich hinauf, und wir suchten uns einen Platz im Waggon. Auf der rechten und linken Seite des Ganges standen jeweils zwei Holzbänke einander gegenüber. Die Nischen am Fenster waren teilweise schon besetzt. Wir hatten Glück und fanden eine freie Nische.
Da sass ich nun, mein Gesicht an die Fensterscheibe gedrückt, und sah, wie Rauch und Funken am Fenster vorbeizogen, als sich der Zug wieder mit lautem Zischen und Gestampfe in Bewegung setzte. In Gedanken befand ich mich auf einem funkensprühenden Drachen, der mich davontrug. Nach einigen Stationen mussten wir in Mürzzuschlag in einen kleineren Zug umsteigen, der uns nach Kapellen brachte. Von da an mussten wir zu Fuss weiter in Richtung Altenberg. Dort machten wir einen Zwischenhalt in einem Gasthof. Ich bekam ein Kracherl und eine Brezel, und Mutti und Vati assen Würschtel mit Kaisersemmel und tranken ein kleines Bier.
Dann ging es weiter durch den Wald und den Berg hinauf. Auf dem Weg sah ich Flügel von Schmetterlingen liegen, und Mutti sagte: «Das waren die Vögel. Doch die haben auch Hunger.» Wir waren nun vom Morgen an schon einige Stunden unterwegs. Die Sonne strahlte von einem tiefblauen Himmel, und als ich zwischen den Bäumen Wiesenland erblickte, wusste ich: Jetzt kann es nicht mehr weit sein. Die Müdigkeit war verflogen, als ich auf den vor mir liegenden Hof zulief. Ich sah meine Grossmutter, die eine grosse flache Schüssel hielt und daraus Futter für die um sie herumlaufenden Hühner streute. Ich sah einige kleine Kätzchen, die miteinander spielten, und den Bernhardiner, der auf uns zusprang. Grossmutter nahm mich in die Arme und drückte mich fest an sich. «Du bist ja schon tüchtig gewachsen, die Schule tut dir gut», sagte sie, und lachend strich ihre Hand über mein zerzaustes Haar. «Ich habe nur einen Zweier, sonst lauter Einser in meinem Zeugnis», sprudelte es aus mir heraus. Ich erspähte meine zwei Cousinen Christl und Fritzi und ging auf sie zu, während sich Mutti, Vati und Grossmutter begrüssten. Ich hörte noch, wie Grossmutter sagte: «Ihr kommt gerade recht, die anderen sind schon beim Heuen. Wir können ihnen zusammen die Brotzeit bringen und eine Kanne Sauermilch, die im Brunnen steht, mitnehmen. Aber zuerst setzt euch an den Tisch und erfrischt euch. War sicher ein beschwerlicher Weg in dieser Hitze den Berg herauf.»
Christl und Fritzi spielten mit den kleinen Kätzchen. Es waren in der Zwischenzeit fünf von ihnen eingetroffen, wie Christl bemerkte. «Zwei treiben sich sicher im Heu Stadl rum. Da haben sie ihre Ruh und sind sicher aufgehoben», ergänzte Fritzi. «Du kommst sicher auch mit zum Heuen, dort können wir Heuschober treten.» Es war mehr eine Aufforderung als eine Frage, die Christl an mich richtete. Wir drei Mädchen verstanden uns vom ersten Tag an, als wir uns kennenlernten. Es waren immer Kurzbesuche gewesen, und nun durfte ich zwei bis drei Wochen mit ihnen verbringen.
Die nächsten Tage würden heiss und arbeitsreich für unsere Eltern werden, denn so lange dauerte es, das Heu zu mähen und auf die Schober zu bringen. Dort konnte es trocknen und später, wenn alle Wiesen abgemäht waren, auf den Heu Stadl gebracht werden. Der befand sich über dem Stall, also auf dem Dachboden, über die ganze Länge, Höhe und Breite des Daches. Das Heu durfte keine Feuchtigkeit mehr in sich haben, da sich sonst Gase bilden und es zu einem Brand kommen könnte, erklärte mir Christl.
Während wir auf Mutti, Vati und Grossmutter warteten, fing auch ich ein kleines Kätzchen. Am Anfang wehrte es sich noch, doch dann kuschelte es sich in meine Hände. Ich konnte es in meinen Schoss legen und streicheln. Es war so lieb, weiss und schwarz gefleckt und sein Köpfchen einfach herzig. «Darf ich es als mein Kätzchen haben, solange ich hier bei euch in den Ferien bin?», fragte ich meine beiden Cousinen. Da lachten beide und meinten: «Immer, wenn du sie siehst, kannst du mit ihr spielen. Doch wir werden nicht so viel Zeit am Hof verbringen. Den Tag über sind wir mit den Kühen auf der Weide.»
Grossmutter rief nach uns, und wir machten uns auf den Weg, den fleissigen Erntehelfern die Brotzeit zu bringen. Da waren meine Tante Liesi und mein Onkel Fritz, und Onkel Toni war zu meiner Freude auch dabei. Er war mein Lieblingsonkel. Zwei Männer, die mir fremd waren, vervollständigten das Team. Alle versammelten sich um den Tisch, der am Zaun aufgestellt war. Grossmutter stellte den Korb darauf, in dem Brot, Speck, Tomaten, Gurken und Wurst verpackt waren. Vati stellte die Kanne mit Sauermilch auf den Boden, und Mutti stellte ein Brett, auf dem sich unter einem Küchentuch ein Kuchen verbarg, neben dem Korb auf den Tisch. Grossmutter begann nun, die kühle Sauermilch in den mitgebrachten Bechern zu verteilen. Onkel Fritz begann, die Speisen auf den Tisch zu legen, und sagte: «Jeder soll sich nehmen, was er möchte, es ist genug davon da.» Es war eine kurze, aber lustige Brotzeit. Zum Essen setzten wir uns einfach auf den Boden. Danach wurde gesungen und gelacht. Ja, das ist mir in Erinnerung: Gesungen und gelacht wurde mehr als heute. Das war wohl so, da es damals noch kein Handy und auf dem Hof nicht einmal ein Radio gab, geschweige denn einen Fernseher.
Nachdem alle ihren Hunger und Durst gestillt hatten, ging es wieder an die Arbeit. Traktoren gab es damals noch nicht in den Bergen, dazu waren die Wiesen auch teilweise zu steil. Die Männer schnitten mit der Sense das Gras mit den Kräutern und Blumen, und die Frauen lockerten den Schnitt mit der Heugabel, damit er besser von Sonne und Wind getrocknet werden konnte. Verteilt auf den Wiesen wurden hohe Stangen mit Querstäben eingerammt, um die das trockene Heu gestapelt wurde. Wir Kinder durften das Heu einstampfen, welches mit der Heugabel herbeigebracht wurde. Diese bäuerlichen Bauwerke nannte man Heuschober. Die Sonne wanderte gegen Westen und kündigte den Abend an. Die grosse Wiese war gemäht, und die Heuschober standen fest verankert im Feld. Für diesen Tag war die Arbeit getan. Grossmutter war schon vor einiger Zeit zurück auf den Hof gegangen und erwartete alle zum Nachtessen.
Es gab Semmelknödel, Krustenbraten mit Sauce und Salat. Zum Trinken gab es Most, also gegorenen Apfelsaft. Ein wehrschaftes Essen, welches sich alle verdient hatten. Langsam wurde es dunkel. Grossmutter stellte zwei Petroleumlampen auf den Esstisch. Einfach so das Licht einzuschalten, gab es damals auf dem Hof nicht. Der Strom hatte den Weg zu meiner Grossmutter noch nicht gefunden. Für mich war das auch alles neu. Aber wir wohnten ja nicht mitten in der Bergwelt. Das Dorf Altenberg lag einige Hundert Meter tiefer als der Hof von Grossmutter. Da oben gab es nur den Hof, umringt von Wiesen und Wald, und darüber erhob sich der Fels der Rax. Wie ich später immer wieder sagte: Es ist der schönste Ort der Welt.
Am Morgen weckte mich der Hahn, der auf dem Mist krähend seinen Tag begann. Noch verschlafen schlüpfte ich in mein Kleidchen und lief die Holztreppe hinunter auf den Hof. Ein Baumstamm war ausgehöhlt und zu einem Brunnen umgestaltet worden. Wenn ich wollte, könnte ich darin schwimmen, kam mir der Gedanke. Doch zuerst wollte ich die Umgebung des Hofes erforschen und machte mich auf den Weg zum Wald. Kein Mensch war zu sehen. Es musste noch sehr früh am Morgen sein. An den Sträuchern glitzerten Tautropfen in den Spinnennetzen. Sie funkelten in der aufgehenden Sonne wie kleine Edelsteine. Für mich war es ein Zauberwald, in dem Feen, Zwerge und Kobolde zu Hause waren. Die Bewohner des Waldes erwachten nach und nach, und mit ihnen erwachte auch ich.
Am Wegrand erhob sich ein aus Tannennadeln gebauter Hügel. Ich schaute genauer hin und bemerkte: Der Hügel lebt. Ich sah zum ersten Mal eine Ameisenburg. Fasziniert blieb ich stehen und beobachtete staunend das rege Treiben dieses kleinen Volkes. Ich war so versunken in meine Traumwelt, dass ich nicht bemerkte, wie die Zeit verging. «Da bist du ja», riss mich die Stimme von Vati zurück in die Gegenwart. «Mutti hat sich schon Sorgen gemacht. Du darfst nicht einfach so in den Wald laufen. Du könntest dich verirren und den Weg zurück nicht mehr finden. Gut, bist du auf dem Weg geblieben. Lass uns jetzt schnell wieder zurück auf den Hof gehen. Grossmutter wartet sicher schon mit dem Frühstück. Du hast doch auch Hunger, oder?» Natürlich, jetzt, wo er es sagte, spürte ich ein flaues Gefühl im Magen. Vati lächelte mich an, nahm meine Hand in seine, und zusammen gingen wir den Weg zurück zum Hof. In diesen Morgenstunden fühlte ich mich frei wie ein Vogel.
Die ganze Familie sass um den grossen Tisch in der Küche. Alle wollten wissen, warum ich so früh am Morgen in den Wald gelaufen war. Ich spürte die Angst, die sie um mich hatten, und versprach, nicht mehr in den Wald zu laufen, ohne etwas zu sagen. Ob sie mich verstanden haben, meine Freude, mein Staunen über das wunderbare, vielseitige Leben im Wald, welches ich an diesem frühen Morgen erleben durfte, ich weiss es nicht. Grossmutter unterbrach meinen Erzähllauf, indem sie mir eine Schnitte Brot reichte, welche mit Butter und Honig bestrichen war. Ich bekam auch noch ein Häferl Malzkaffee, der zur Hälfte mit Milch aufgefüllt war. Es war ein herrliches Frühstück. Auf dem Tisch standen selbstgemachte Marmelade und Honig sowie Butter, welche auch von Grossmutter hergestellt wurde. Der Duft von Rühreiern mit Speck durchzog die Küche und fachte den Appetit erst richtig an. Damals war das alles für mich selbstverständlich. Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, welch kostbarer Reichtum in diesen einfachen Dingen lag. Nach dem ausgiebigen Frühstück gingen alle bis auf Grossmutter wieder zum Heuen. An diesem Tag wurden die Wiesen auf der Ostseite gemäht.
Grossmutter hatte genug Arbeit am Hof. Ausserdem war Brotbacken angesagt. Grossmutter backte, wie die meisten Bauern, ihr Brot nach eigenem Rezept. Das heisst, sie hatte ihre eigenen Kräuter und Gewürze, die sie dem Teig beimengte. Anis war so ein Gewürz, und beim Backen verbreitete sich der Geruch im ganzen Haus. Bei so vielen Leuten am Hof war das Brot wohl das wichtigste Lebensmittel. Und für Grossmutter war es Sünde, auch nur einen Krümel Brot wegzuwerfen. Es war jedes Mal ein Erlebnis für mich, ihr zuzusehen, wie sie mit sicherer Hand das Messer ansetzte und dünne, gleichmässige Brotscheiben abschnitt. Ja, es fiel mir auf, dass das Brot nur von Grossmutter geschnitten wurde. Es war einfach so. Genauso, wie die Erwachsenen Grossmutter mit «Sie», «Ihr» oder «Euch» anredeten. Wir Kinder sagten «Grossmutter» und «Du». Es war der Respekt, der ihr von den Erwachsenen entgegengebracht wurde. Wohl ein Rest der Benimmregeln aus der Kaiserzeit und dem damit verbundenen Bürgertum. Und das hatte die Familie auf den Hof unter der Rax mitgebracht. Genauso wie die Geige, die an der Wand hing. Sie hatte Grossvater gehört und erinnerte an ihn und an die Zeit, wie es früher war.
D



Auch in englischer Sprache! Beide Ausgaben sind in Kleinformat und mit schwarz-weiß Bildern versehen. 
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